Brief von Aaron und Balu aus dem Knast Moabit

Der doppelt negative Ausgang unserer Haftprüfungen ist der letztnotwendige Beweis für den politischen Charakter unserer Inhaftierung in der JVA Moabit in Berlin. So stellen wir uns gerne der maroden Beweislage der Staatsanwaltschaft, die trotz nachweislich sozialer, beruflicher, familärer und wissenschaftlicher Verpflichtung, „keine Verankerung in unseren Leben” festzustellen vermag und eine akute „Fluchtgefahr” herbeiphantastiert.
Dieses politisch begründete Hirngespinst soll scheinbar ein Zeichen setzen – gegen uns alle! Offensichtlich ist, dass zuerst die Polizei, dann die Staatsanwaltschaft und zuletzt die „Justiz” als verlängerter Arm der Berliner Innenpolitik agieren.
Aber auch wir geben uns alle Mühe: Wir tragen die Haft mit Würde, kämpfen mit unseren eigenen Schwächen und nutzen die Zeit um all das zu lesen, wofür uns der alltägliche Wahnsinn vorher nicht die Zeit lies.
Nach der Willkür der Wärter, die lieber als „Meister” angesprochen werden, obwohl wir uns in einem „Menschenzoo” befinden, gibt es derzeit „Freistunde” und Aufschluss. Entsprechend finden wir uns öfter als uns das lieb wäre, allein in unseren Zellen wieder.
Damit konfrontiert, nicht nur einen schönen Sommer hinter Gittern zu verbringen, müssen wir auch von Freund*innen, Geburtstagen, Studium, Familie, Konferenzen und Veranstaltungen Abschied nehmen. Stattdessen: Knastfraß, Langeweile und Haftschaden!

Jeden morgen um 6:20 Uhr („Guten Morgen!”) zu realisieren immernoch eingesperrt zu sein und am – sonst so erwarteten – Wochenende mit einer Stunde an der „frischen Luft” auskommen zu müssen. Wichtigen Schriftverkehr überteuert (eine (!) Kopie kostet 50 Cent!) und mit Kontrollverzögerung abzuwickeln.
Das dieses Zuchthaus kein passendes Medium zur „Resozialisierung” (ganz gleich welches Verbrechen den Gefangenen angelastet wird) darstellt, ist nicht erst seit heute bekannt. Das bezeugt sogar ein Anstaltsleiter aus Bayern (!) in der Knastzeitschrift „lichtblick”. Dabei ist der Knast Gedankenschmiede für Verhalten abseits der solidarischen Gemeinschaft. In diesem System verdammt der Staat Rechtsbrecher*innen isoliert und auf engsten Raum zu verweilen, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Trotz allem bleiben unsere Gedanken immer bei den Menschen draußen, im institutionalisierten, sich ausbreitenden Ausnahmezustand. Die Tag für Tag für eine bessere, eine freie Welt kämpfen und sich auch von der offen und schamlos agierenden Gewalt nicht abschrecken lassen. Bei all jenen die ihre Wut und ihre Enttäuschung über die herrschenden Verhältnisse auf die Straße tragen. Jenen, die ihre Hoffnungen und Träume formulieren und sich weigern stillschweigend die Ungerechtigkeiten hinzunehmen. Und auch jenen, die ihr bestes geben um ihre Mitmenschen solidarisch zu unterstützen.
Vereint im Ziel gibt es keine Hierarchie in der Wahl der Mittel!

Überall werden alternative Lebensentwürfe zurückgedrängt und werden die Räume, die für ein selbstbestimmtes und -verwaltetes Leben unverzichtbar sind, angegriffen.
Grade auch, weil diese Räume, ganz besonders heute, Schutzräume für viele Menschen, getroffen von Verfolgung, sind, gilt es sie zu verteidigen! Die ständigen staatlichen Angriffe können wir nur gemeinsam überstehen. Nur solidarisch, in gegenseitiger Achtung können wir die öffentlichen Plätze und Räume wiederbeleben.
Für uns in Haft ist es ganz deutlich, dass wir nicht alleine sind, da Eure Unterstützung und Euer Durchhaltevermögen uns tagtäglich – in Briefen oder Berichten – erreichen.
Das Ergebnis der „Festung Europa” vor Augen fordern wir Freiheit für alle Abschiebegefangenen und politisch Inhaftierten!

Dankbar und vor allem kämpferisch!
Balu & Aaron